Ein Relikt aus der Urzeit

In der Friedenstaße, gegenüber dem Ehrenmal, dort wo der Weg In der Marsch beginnt, auf dem kleinen Dreieck, steht ein Gedenktstein. Er wurde zum 100. Geburtstag des Deutschen Kaisers Wilhelm I (dem Großen) im Jahr 1897 hier aufgestellt.

Kaiser Wilhelm Gedenkstein

SchalensteinEinst diente er als Abdeckstein eines Hünengrabes aus der Vorzeit. Diese lagen beim Fohrsberg. Ebenso wie die einstige Thingstätte (Eekenhoop). Leider wurden diese zerstört als die Straße nach Puls ausgebaut wurde. Es soll dort mehrere Hünengräber gegeben haben, die jedoch schon in grauer Vorzeit zerstört und später übergepflügt wurden.

------- Die Heimat  Heft 4/5 von 1976  Seite 101 ff. --------------------------

Hier steht geschrieben:

Die Rückseite des großen Steines weist aber ein weitaus älteres Denkmal, das in die Zeit zwischen 3000 und 1600 vor der Zeitrechnung zurückdatiert wird und das also maximal 5000 Jahre, minimal  immer noch rund 3500 Jahre alt ist.  Es sind 13 kleinere oder größere Vertiefungen sichtbar, die von Menschenhand stammen. Über den Schalen im oberen Teil des Steines prangt dann noch ein offenbar christliches Kreuz. Dieses Kreuz ist wahrscheinlich erst sehr viel später mit neueren Werkzeugen angebracht worden. Vielleich stammt es aus der Zeit nach der Christianisierung des Landes und sollte gewissermaßen zur Entzauberung der anderen, heidnischen Zeichen dienen.

Welche Bedeutung die schalenartigen Vertiefungen einst gehabt haben mögen, ist bis heute noch nicht restlos geklärt, trotz umfangreicher Literatur und mehrerer wissenschaftlicher Dissertationen über Schalensteine. Andernorts werden Schalensteine auch als ehemalige Opfersteine deklariert, etwas in der Weise, dass in den Schälchen einstmals Blut oder andere Opfergaben dargebracht wurden. Diese Darstellung wird aber schon durch die Tatsache widerlegt, dass die Schalen auch an senkrechten Stellen der Steine angebracht worden sind. An Stellen also, an denen eine Darbringung von Opfern völlig sinnlos  gewesen wären.

Als man Ende des 19. Jahrhunderts den als Gedenkstein vorgesehenen großen Stein in das Dorf holte, hat man wahrscheinlich noch gar nichts von den Schalen und von dem Kreuz gewusst, denn diese Merkmale fallen überhaupt nicht auf und sie treten nur dann hervor, wenn man sie kenntlich macht, etwa mit Farbe.

 

Eine solche Kennzeichnung der Schalen (und des Kreuzes) hat der Lehrer Herr Großheim, Todenbüttel, mit seinen Schülern vor langer Zeit auch am Beringstedter Schalenstein vorgenommen, aber diese Kennzeichnung mit weißer Farbe ist heute schon längst wieder verblasst. Der Schalenstein ist wahrscheinlich ein Deckstein aus einem Großsteingrab (Megalithgrab), das in grauer Vorzeit auf der Flur „Fohrsberg“ zwischen den Orten Beringstedt und Puls errichtet worden ist. Ein zweiter riesiger Deckstein aus diesem Großsteingrab stand lange Zeit als Grenzstein südlich vom Fohr an dem Sandweg nach Puls. Dieser zweite Deckstein ist aber leider beim Ausbau der Kreisstraße nach Puls und Schenefeld zerstört und zu Schottersteinen zerkleinert worden und niemand hat dies auch nur zu verhindern versucht. Wie viele steinerne Denkmäler aus der Vergangenheit mögen wohl auf diese oder ähnliche Art unwiederbringlich zerstört worden sein? Man tröstet sich nun damit, dass es von diesen Schalensteinen in Mittelholstein mehr als 300 Exemplare gibt.

Der schönste und reichhaltigste Stein dieser Art liegt in einem aufgegrabenen Großsteingrab nahe dem Dorf Bunsoh bei Albersdorf im Landesteil Dithmarschen. Neben zahlreichen Schalen sind auf diesem Stein auch ein Rad mit vier Speichen, Bilder von menschlichen Händen und von einem Fuß dargestellt. Leider ist auch dieses Denkmal aus der Vorzeit der Verwitterung durch Steinfraß, Frost und anderen Witterungs- und Umwelteinflüssen stark ausgesetzt und es ist schon abzusehen, wann diese Darstellungen (Symbole) ganz verschwunden sein werden. Bleibt zu hoffen, dass man einen wirksamen Schutz zur Erhaltung findet…

Mit großer Sicherheit ist anzunehmen, dass die Steine mit den Schalen, Rillen, Hand- und Fussabdrücken und Feuerrädern den kultischen oder magischen Zwecken bis zum Ende des Heidentums gedient haben mögen, wie etwa dem Feuer- oder Sonnenkult. Am Rande sei noch vermerkt, dass sich in einem Granitstein mit weicher Konsistenz mit Flintstein-Meißeln solche Schalen oder andere Zeichen verhältnismäßig leicht anbringen lassen. Richtig ist, dass Schalensteine oft innerhalb der Großsteingräber oder doch in deren näheren Umgebung aufgefunden worden sind. Sie werden an einigen Orten auch als sogenannte „Wächtersteine“ bezeichnet.

Großsteingräber sind uns an verschiedenen Orten ganz oder doch teilweise erhalten geblieben, so z. B. im Sachsenwald bei Hamburg, in einem Wald nahe Kleckern in der Nähe von Buchholz in der Nordheide, auf dem Dohrn bei Grundoldendorf in der Nähe von Buxtehude, auf dem Gut Daudiek bei Horneburg, ferner die großartig erhalten gebliebenen Anlagen „Braut“ und „Bräutigam“ in der Nähe von Wildeshausen südlich von Bremen. Schalensteine sind gefunden und z. T. auch an Ort und Stelle aufgerichtet worden in: 

Hohenwestedt, Rendsburg, Beldorf, Bunsoh, Mörel, Warringholz, Tönsheide im Aukrug, Liesbüttel, Loop bei Neumünster, Neuwühren (Krs Plön, - jetzt im Kloster Preetz) und Heinkenborstel.

Am letztgenannten Ort wurden die Schalensteine allerdings von Steinmetzen zu Trögen (Viehtränken) verarbeitet. Ein christliches Kreuz aber trägt nur der Schalenstein von Beringstedt.

Die Fundstellen von Schalensteinen sind aber nicht nur auf das Land Schleswig-Holstein beschränkt. Im März 1987 wurde in Süddeutschland bei Tübingen-Weilheim ein „Riesen-Menhir“ von 4,5 m Höhe entdeckt. Der Name Menhir stammt aus dem Keltischen und bedeutet so viel wie „Hünenstein“. Sie wurden senkrecht aufgestellt, meistens in vorgeschichtlichen Grabstätten. Dieser neu entdeckte Riesen-Menhir stammt aus der jüngeren Bronzezeit, ist also nicht ganz so alt wie der Stein in Beringstedt. Er weist auf der Rückseite ebenfalls Schalen (Näpfchen) und Rillen auf und ist somit auch den Schalensteinen zuzuordnen.

Schon in meiner Jugendzeit, also vor rund 80 Jahren (um 1915), hat mir jemand erzählt -ich glaube es war der Naturforscher Eggert Kaltenbach-, dass das beim Anbohren der Steine gewonnene Steinmehl von unseren Vorfahren zum Stillen von blutenden Wunden verwendet worden sei. Hat man damals schon mehr gewusst als wir heute wissen? Wohl kaum!  Seit Anfang des Jahres 1987 geistern aber Berichte durch die Presse von der Heilwirkung von Gesteinsmehl aus Nieder-Österreich mit dem schönen Namen „Superbiomin“ und dieses stammte immer aus dem Vorrat des Steinbruch-Besitzers Robert Schindele in Grenzbach-Kicking (Nieder-Österreich). Man vgl. den Artikel aus der Zeitung „Die Welt“ vom 10.3.1987. Es besteht z. Zt. sogar ein Ausfuhrverbot für Steinmehl aus Österreich nach Deutschland und mit diesem Ausfuhrverbot soll sich demnächst das Bundes-Verwaltungsgericht in Kassel befassen.

Um die Schalensteine unserer Heimat ranken sich viele Legenden, Vermutungen, mystische Gedanken und Sagen und es werden bestimmt in der Zukunft noch mehr dazu kommen.

Die meisten Einwohner von Beringstedt wissen aber wohl kaum etwas von der geschichtlichen Bedeutung dieses uralten Denkmals aus der Vorzeit in der Mitte ihres Dorfes. Sie gehen achtlos vorüber an dem uralten Stein, denn der ist ja stumm und sagt ihnen nichts, gar nichts, und man kann ihn ja nicht zum Reden bringen. Die Beringstedter Einwohner haben ja auch ganz andere Sorgen und Nöte, wie den Bau einer Kläranlage und die Beseitigung des Klärschlamms, die Milchquoten, Abschlachtprämien, Butterberge und Milchseen. Sollen sich doch die klugen Gelehrten weiterhin mit dem Rätsel aus der Vorzeit den Kopf zerbrechen über den Sinn und Zweck der Schalen und Schalensteine, denn dafür werden sie ja von unseren Steuergeldern bezahlt.

Im Jahr 1987 aufgezeichnet von Otto Bolln, Griegstr. 32, 2000 Hamburg 50. Im Jahr 1900 wurde er in Beringstedt geboren und hat hier seine Jugendzeit verbracht. Er hat sich viel mit der Geschichte Beringstedts befaßt und liefert uns somit heute viel Information.

Dank der digitalen Technik und dem Internet, ist es mir heute möglich diese Informationen an die Bevölkerung weiterzugeben und für jeden einsehbar zu machen. Ich bin dankbar für diese tolle Recherchearbeit meiner Vorgänger.

Rita Bokelmann, digitalisiert im Jahr 2017.