Von Moor und Torf

Ein Bericht von Otto Bolln (*1900 in Beringstedt):

Beringstedt verfügt in seiner Gemarkung über ein Hochmoor von beträchtlichen Ausmaßen. Mitten hindurch führt der heute befestigte und asphaltierte `Karkdamm´ von Lütjenwestedt nach Todenbüttel. Dieser teilt das Moor der Länge nach in das kleinere `Lüttmoor´ oder Veehnmoor vom `Groot Moor´ und ist fast ganz umgeben von ausgedehnten Wiesen, der Steertwisch, dem Veehn und der Groot Wisch. Steuermäßig galt das Moor bis dahin als Ödland und war dementsprechend abgabenfrei. Nachbargemeinden, wie Puls und Maisborstel, die nicht über Moor verfügten, hatten die Gerechtsamkeit auf kleineren Teilen Torf abzubauen.

Die abseitige und auch abgeschlossene Lage des Moores ermöglichte eine fast ungestörte Entwicklung der Flora und Fauna. Birken und vereinzelt auch Kiefern, hohes Heidekraut und Porst (Gagelstrauch) boten der Tierwelt genügend Schutz, vor allem dem Reh- und Birkwildbestand, aber auch Ringelnattern und Kreuzottern waren reichlich vertreten, ferner auch Wildenten auf den Moorlöchern. Auf höher gelegenen Teilen mit geringeren Torfschichten war der Fuchs mit seinen ausgedehnten Bauten häufig zu finden, insbesondere auf dem `Voßberg´ im Groot Moor, mit den Resten der mittelalterlichen `Fluchtburg´ der Beringstedter und Todenbüttler.

Die Torfschicht war unterschiedlich stark, meistens aber bis zu 2 m und mehr mächtig. In oberen Schichten als Weißtorf, in den unteren, älteren Schichten als schwarzer Torf mit hervorragender Heizkraft.

Heidekraut wurde dort, wo es sich lohnte mit der besonderen Sense, der `Heidlehn´ gemäht, ebenso das hohe Bentgras (Pfeifengras). Beides wurde als Einstreu für Viehställe benötigt. Junge Birkenheiser, im Winter geschnitten, wurden zu Reiser-Besen und das Heidekraut zu Schrubbern (Torfschrubber) gebunden. Die durch das Abmähen des Heidekrauts entstandenen freien Flächen dienten einmal als Trockenplätze für den Torf. Zum anderen waren sie ideale Balzplätze für das Birkwild.

Eintrag in der Dorf- und Schulchronik:

Am Sonnabend, den 04.10.1931 wurde die Treibjagd auf dem Moor abgehalten. Es wurden 28 Hasen, 1 Kaninchen, 1 Fuchs, 8 Rebhühner und ein Birkhuhn zur Strecke gebracht.

Heute (gemeint ist hier die Zeit 1960/70/80) ist das Hochmoor durch breite Entwässerungsgräben zur Fuhlenau und zur Haaler Au weitgehend entwässert und dadurch im Nieveau abgesunken und verflacht. Weite Teile, insgesamt wohl ein Drittel der Fläche ist nach der Entwässerung tief gepflügt, gehackt und mittels Kalk und chemischen Düngemitteln zu Kulturland geworden. Es wächst und gedeiht hier nicht nur der sogenannte schwarze Moorhafer, sondern auch Weißklee und es sind weite Weiden für Milch- und Jungvieh geworden. Von dem Urzustand sind zwar noch gute Reste erhalten und bieten genügend Schutz und Zuflucht für den Wildbestand, aber es darf nichts mehr verändert werden, weil der Landschaftsschutz dies nicht mehr zuläßt.

Wenn wir uns nun der Torfgewinnung zuwenden, müssen wir -je nach Qualität der Torfschicht- drei Arten der Gewinnung unterscheiden, und zwar den gestochenen Torf (Klotzen), den gegrabenen und den gebackenen Torf. In allen Fällen waren Spezialgeräte vorhanden und entwickelt, die stets gut gepflegt werden mußten. Die Geräte wurden nur höchst ungern ausgeliehen. In allen Fällen der Torfgewinnung war es nötig die Arbeitsflächen einzuebnen, d. h. spatentief abzubulten.

Das sogenannte Klotzenstechen war die einfachere Art. Sie wurde insbesondere dann angewendet, wenn der Torf weiß oder besonders fleischig war. Nach dem Abbulten wurde die Bank hergerichtet und mit einem scharfen Gerät, dem Spaten mit schmalem aber langem Blatt (Klotzenstecher oder auch Rüffel genannt) wurden die Soden -je nach gewünschter Größe- an zwei Seiten abgestochen und herausgehoben und dann auch auf eine Karre geschichtet und zum Trockenplatz gekarrt. Hier wurden die Soden flach aneinander gelehnt geschichtet, und zwar so, daß der Wind ungehindert durch die Reihen streichen konnte. Später wurden die Soden dann geringelt und nach weiterem Antrocknen zu Diemen geschichtet.

Beim gegrabenen Torf wurde ebenfalls eine Bank hergerichtet und in der Länge nach Soden mit dem messerscharfen Torfschneider mit lanzettförmigem Blatt abgeschnitten. Der Mann in der Grube hatte dann mit dem ebenfalls haarscharfen Haumesser drei Soden tief und in der gewünschten Breite der Soden einzuschneiden oder einzuhauen. Dann hatte der Mann in der Grube mit dem Torfspaten -aus Holz mit ebenfalls scharfer Stahlschneide- immer zwei Soden zugleich abzuheben und auf den Rand oder unmittelbar auf die Karre zu geben. Drei Stiche untereinander ergaben dann immer 6 Soden. Von der Kante wurden die Soden zum Trockenplatz gekarrt und hier in Reihen 4 x 2 kreuzweise aufgeschichtet, so daß der Wind ungehindert hindurchstreichen konnte. Diese kleinen Ringel wurden dann später nach dem Antrocknen in übermannshohe Diemen aufgeschichtet. An Stelle der Schiebkarre trat bei den bäuerlichen Gewinnern mitunter auch die von einem Pferd gezogene Schleife (Schlöp). Je tiefer der Torf hervorgeholt wurde, je schwärzer war er und dementsprechend war auch die Heizkraft größer. Wenn die Torfschicht mehr als mannstief war, wurde der Torf über eine Kanzel in zwei Stufen abgebaut. Das Torfgraben war natürlich nur dort möglich, wo für den Wasserabfluß gesorgt war und der Mann in der Grube nicht im Torfschlamm versank.

Das Torfbacken war zeitraubender und eignete sich nur bei schwarzem Torf aus größeren Tiefen. Seine Heizkraft war dementsprechend größer und man benötigte eine kleinere Menge Soden. Hierbei wurde die Torfmasse in einem Holzkasten von 10 – 15 cbm Fassungsvermögen zu einem steifen Brei angemacht und dann mit Pferden zum Trockenplatz (Striekplatz) gezogen. Hier wurde dann die Torfmasse in Holzformen (ohne Boden) gleichmäßig eingefüllt und glattgestrichen. Die Holzform wurde dann an Handgriffen abgehoben, so daß die Soden flach am Boden lagen. Nach dem Abtrocknen wurden die Soden zu Ringeln aufgeschichtet und später ebenfalls in runde oder rechteckige Diemen geschichtet. Der gewerbsmäßige Torfabbau verwendete Anfang des 20. Jahrhunderts auch schon Pressen zum Formen der Soden, wie in den Ziegeleien.

Je nach Wetterlage konnte der gestochene, gegrabene oder gebackene Torf meistens schon nach wenigen Wochen weiterbehandelt werden, ohne daß dabei die Soden zerbrachen. Das `Ringeln´ oder auch das `Hochringeln´ ging dem Diemen des Torfes voraus. Das Diemen, entweder runde oder rechteckige, erforderte eine gewissen Kunstfertigkeit, wobei die noch feuchten Soden nach außen geschichtet wurden. Die Diemen mußten dem Regen, dem Wind und auch dem Sturm standhalten, trotzdem aber winddurchlässig sein. Bei Platzmangel im Haus oder bei sehr weichem Moorboden, der Pferd und Wagen im Sommer nicht trug, blieben die Diemen bis zum Winter draußen. Sonst aber wurde der Torf im Spätsommer, möglichst zwischen der Heu- und Kornernte, eingefahren.

Die Arbeit im Torfmoor war anstrengend und dementsprechend war auch die Kost deftig und reichlich. Buttermilch, im Torfschlamm gekühlt, und Speck und grobes Schwarzbrot gab es zum Frühstück. Mittags wurde das Essen entweder vom Hause auf das Moor gebracht oder es wurde am Torffeuer heißgemacht. Erbsen- und Bohnensuppe wurden bevorzugt.

Sobald der Frost aus dem Moor gewichen war, also im April oder spätestens im Mai wurde mit der Arbeit auf den Torfstücken begonnen und auf allen Teilen waren zahlreiche Leute bei der schweren Arbeit. Am Abend sammelten sich dann die arbeitsmüden Leute auf dem Veeh- oder Karkdamm zum gemeinsamen Heimgang, wobei zwar nicht gesungen, aber doch die Tagesereignisse im Dorf oder Begebenheiten aus früherer Zeit lebhaft erörtert wurden. Es gab auch Tagelöhner, die den ganzen Sommer lang auf dem Torfmoor tätig waren. Diese wurden dann spottend als `Törfdüwel´ bezeichnet.

Heute ist es still geworden auf dem Torfmoor. Es wird kaum noch oder nur ganz vereinzelt noch Torf als Brennstoff gewonnen. Andere Brennstoffe mit größerer Heizkraft, wie Briketts, Koks oder auch Oel sind an die Stelle des Torfes getreten. Heute kennen wir das Naturprodukt Torf nur noch als Torfmull oder Torfsteu oder als Düngetorf, von großen Maschinen in großen zentnerschweren Ballen hergerichtet für Gemüse- oder Blumengärten oder in Gärtnereien. Hier erfüllt der Torf zur Bodenauflockerung noch eine wichtige Funktion aus. Als Brennstoff aber ist er nicht mehr gefragt.

Dieser nun schon Geschichte gewordene Bericht von Moor und Torf sollte nicht abgeschlossen werden, ohne einen althergebrachten Brauch zu erwähnen. Es war das `Moor-Recht´, das in ähnlicher Form auch als Heu- oder Wiesenrecht praktiziert wurde: Junge Mädchen, die zum ersten Mal auf dem Moor mitarbeiteten wurden unversehens, meistens in der mittäglichen Ruhepause von den jüngeren Knechten überfallen, ergriffen und es wurden ihre meistens noch knospenden Brüste mit Buttermilch oder auch mit braunem Moorwasser oder auch mit Torfbrei gewaschen. Das ging nun niemals ohne eine gewisse Rohheit, Geschrei und Gelächter vor sich, aber es war eben das Recht der jüngeren Generation, wobei die Sexualität keine oder nur eine ganz untergeordnete Rolle spielte. Die Betroffene hatte nach überstandener Prozedur das Moor-Recht erhalten, sie waren damit geweiht und hatten in den folgenden Jahren keine Angriffe mehr zu befürchten. Heute weiß man von diesem Brauch -ähnlich der Äquator-Taufe- kaum noch. Man kann nur sagen: „Schade“.

Diesem Bericht von Otto Bolln möchte ich hinzufügen, daß in den Jahren 1925 bis 1928 große Teile im Moor urbar gemacht wurden. Hierzu wurde eigens eine Interessengemeinschaft Moor gegründet. Hierzu hat Erhard Marxen im März 2020 einen eigenen Bericht verfaßt, siehe Interessengemeinschaft Moor.

 

 

Diesem Bericht von Otto Bolln möchte ich hinzufügen, daß in den Jahren 1925 bis 1928 große Teile im Moor urbar gemacht wurden. Hierzu wurde eigens eine Interessengemeinschaft Moor gegründet. Hierzu hat Erhard Marxen im März 2020 einen eigenen Bericht verfaßt, siehe Interessengemeinschaft Moor.

In der Dorf- und Schulchronik ist hierüber folgender Eintrag zu finden:

18.2.1930

Am 18.2.1930 sind die von 1925 – 1928 vermessenen Moorteile urbar:

Nördlich vom Kirchdamm:   Klaus Holm, Sierk (Puls), Kl. Voß, Johannes Hadenfeldt, Hinrich Evers, Hinrich Bruhn, Hans Wendell, Vierth (Osterstedt), H. D. Hadenfeld, Eggert Mehrens, Karl Wieben, Markus Sachau, Klaus Hinrichs, Klaus Holm, Lamprecht, Hans Grewe, Hans Harms

Südlich vom Kirchdamm:   H. Harms, H. Martens, Martin Kröger, Wilh. Schröder, Eggert Mehrens, H. D. Hadenfeldt, Voß (Ostermühlen), Cl. Hadenfeldt, Hinrich Bruhn, Grete Hadenfeldt, Kl. Voß, Wilhelm Fischer, Klaus Wensien, Eggert Bolln, Hinrich Schrum, Martin Kröger, Hans Wendell, Ww Ruge

Im Ganzen sind bis jetzt 180 Tonnen Moor kultiviert. Noch zu kultivieren sind Teile von Hans Martens und Ww Ruge, insges. 20 Tonnen

Vorsitzende der Moorgenossenschaft ist Landmann Claus Voß, hier.

12.1.39        Das Tauwetter setzt so stark ein, daß die `Große Wiese´ und `Fehn´ überschwemmt sind. Die Schneebeksbrücke wurde zerstört. Das Postauto mußte über Todenbüttel fahren. Das Wasser des Mühlenteichs stieg über den Damm.

Anfang November 1952 wurde mit dem Bau eines neuen Schöpfwerkes an der Einmündung der Fuhlenau in die Haaler Au begonnen. Der Bau wird 600 000 Mark kosten (Kostenvoranschlag). Am 3.9.1953 war Richtfest für das Fuhlenau-Schöpfwerk.

Bei starken Regenfällen kam es im Moorgebiet immer wieder zu Überschwemmungen.

Bilder aus der Dorf- und Schulchronik, aufgenommen im Jahr 1954:

1954 Überschwemmung im Moor Bild 2 mit Schöpfwerk    1954 Überschwemmung im Moor Bild 1 Schöpfwerke und Steinberge

Überschwemmung auf `Groot Wisch´

Im Hintergrund ist das neue Schöpfwerk zu sehen, rechts: Steinberg

 

 

1954   Lehrer Wächtler und einige Beringstedter Kinder

 1954 Überschwemmung im Moor Bild 3 mit Lehrer Wächtler    1954 Überschwemmung im Moor Bild 4

… und 3 weitere Bilder aus dem Beringstedter Archiv (Dias):

von 1980  (Juli)

 Wasser im Moor 1980   Wasser im Moor Juli 1980   

… und 1986

 zuviel Wasser 1986

Ebenso berichtet ein Eintrag in der Dorf- und Schulchronik von sehr trockenem Wetter:

September 1929:

Da der Boden sehr trocken war, ging das Falligen sehr schwer. Die ausgetrockneten Brunnen bei Hans Sievers, Willi Benk, Wilhelm Ralfs wurden tiefer gemacht.

Bei Hadenfeldt, Sievers und Pabelick sind Teiche ausgetrocknet gewesen, sogar die Rittmeisterkuhle war fast ausgetrocknet, so daß das Vieh weggeholt werden mußte.

Die Tiere Ostermühlens mußten nach der Großen Wiese gebracht werden, da auf dem Maßbrook kein Wasser war.

Die Moorkultivierung schritt rüstig vorwärts.

In der letzten Zeit kamen mehrere Moorbrände vor.

Die Pferde konnten wegen der Trockenheit ohne Mühe und Schuhe auf dem Moore laufen.

Die Ernte ging in diesem Jahre sehr schnell vonstatten, so daß am 16.9.1929 der Hafer fast geborgen war.

Desweiteren schreibt Otto Bolln (in den 1980er Jahren) an anderer Stelle:

Das Beringstedter Hochmoor ist heute zu mehr als der Hälfte der Flächen zu Weiden und Wiesen kultiviert. Meines Wissens darf jetzt allerdings nichts mehr verändert werden, obwohl es noch nicht als Landschaftschutzgebiet gesichert ist. Immerhin sind noch Oasen der Ursprünglichkeit vorhanden, die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten Schutz bieten, zumal kein Torf für den Hausbrand mehr abgebaut wird, sondern nur für gewerbliche Zwecke als Torfmull für Gärtnereien usw.

Hier ist außer dem schon erwähnten Porst und Gagelstrauch der früher verbreitete und heute selten gewordene Sonnentau anzutreffen. Botaniker und interessierte Laien machen heute weite Wege, um die rar gewordene Pflanze im Beringstedter Hochmoor zu suchen und zu studieren. So kommen Besucher vom Botanischen Institut der Universität Kiel hierher. Leider sind am 14./15. April 1974 wiederum 30 ha Moorfläche abgebrannt, wobei natürliche auch die seltenen Pflanzen und Tiere zugrunde gehen.

In meiner Kindheit, also bis etwa 1910-15 soll es in der Beringstedter Feldmark auch noch Wachteln gegeben haben. Persönlich habe ich diese während meiner Schulzeit als gezähmte Exemplare beim Bauern Heinrich Wieben kennengelernt.

 

 

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