Sterbegilde

Sterbekasse

Aufsatz einer Schülerin geschrieben am 16.3.1935, Helene Voß

Unsere Sterbekasse wurde im Januar 1923 gegründet. Damals waren es 357 Mitglieder, jetzt 352. Man veranstaltete Sammlungen. Da die Inflationszeit war, brachte die 1. Sammlung 397.120 Mark ein. Für dieses Geld schaffte die Gemeinde Holz und Beschläge für die Särge an. Die 2. Sammlung wurde von den Mitgliedern mit Eiern und Bargeld bezahlt. Dieses brachte 441.700 Mark ein. Durchschnittlich wurden zwei Sammlungen im Jahr veranstaltet. Allein das herstellen eines Sarges kostete 40.000 Mark. Der Arbeitslohn für einen Tischler, allein fürs Bretter hobeln und anfertigen 27.000 Mark. Als dann die Goldmark eingeführt wurde änderten sich die Zahlen. Jetzt bekommt ein Erwachsener 70 Mark Sterbegeld, von 6-16 Jahren 45 Mark und von 1-6 Jahren 25 Mark. So helfen sich gegenseitig die Leute. Seit dem 3. Februar 1933 heißt es nicht mehr Sterbekasse sondern „Sterbeunterstützungskasse“.

Hier ein weiterer Bericht bis zur Auflösung, erzählt und aufgeschrieben im Januar 2019 von Gertrud Keller (87 Jahre alt). Sie hat den obigen Bericht aus der alten deutschen Schrift übersetzt und folgende Informationen hinzugefügt:

Später war der Name „Wohltätigkeitsverein“.

Bis zur Auflösung hat der Verein noch weitere Währungen überlebt: An die genannte "Goldmark" reihen sich die  RM Reichsmark, die DM Deutsche Mark und der jetzige Euro. Die Satzung von 1923 ist noch erhalten und liegt den Protokollen, diese befinden sich im Archiv unserer Gemeinde, Hier liegen sämtliche historische Schriften. In der nachfolgenden Zeit ist das Sterbegeld von einem Kassierer, der in den Satzungen vorgeschrieben ist, gesammelt worden. Nach einem Sterbefall wurde immer im Voraus für den nächsten Trauerfall gesammelt, so daß immer ein Betrag sofort zur Verfügung stand um den Verstorbenen würdevoll zu bestatten. Dies war vor allem nach dem 2. Weltkrieg eine schwierige Zeit, denn manchem fehlten einfach die Möglichkeiten (Geld), um wenigstens Holz für einen Sarg kaufen zu können. Durch eine Mitgliedschaft im Wohltätigkeitsverein konnte hier Hilfe geleistet werden. Es fehlte in der Nachkriegszeit in vielen Familien an so vielen Dingen. Allein schon die beengten Wohnverhältnisse in dieser Zeit sind für uns heute (2019) kaum vorstellbar.

Das Sammeln änderte sich, als das Bankwesen eine andere Bedeutung bekam. Nun wurden sämtliche Gehälter und Löhne nicht mehr in bar ausbezahlt. Alles wurde über Bankkonten geregelt, so daß es auch im Verein üblich wurde die Beiträge über die Banken einzuziehen. Es wurde zuletzt ein jährlicher Betrag von 6 -sechs- Euro pro Mitglied und Jahr erhoben. Dieser deckte dann die anfallenden Kosten. Kinder kamen nicht mehr automatisch als Mitglied dazu, so daß die Mitgliederzahl sank. Außerdem änderten sich die sozialen Verhältnisse. So zahlten die Rentenkassen bei einem Sterbefall 3 Monatsrenten als Sterbegeld aus an den Versicherten.

Damit der Verein keine Verluste macht, sprach der Vorstand des Wohltätigkeitsvereins bereits vor einiger Zeit von Auflösung. Eine Vollversammlung im Jahr 2015 brachte keine Einigung. Es wurde weiterverhandelt und vertagt. Allerdings wurde der jährliche Beitrag ausgesetzt. Im folgenden Jahr trat man noch einmal zusammen und diesmal wurde einstimmig beschlossen die Auflösung durchzuführen. Diese Aufgabe übernahm der Schriftführer Karl-Heinz Poschmann. Der Verein wurde im Januar 2016 aufgelöst und dies war für alle Mitglieder ein guter Zeitpunkt, der allgemeine Zufriedenheit auslöste.

Beerdigungen, wie sie früher stattfanden.

Ein zusätzlicher Bericht zum obigen Wohltätigkeitsverein, geschrieben von Gertrud Keller im Januar/Februar 2019, über Bestattungsfeiern und mit wie viel Aufwand sie organisiert wurden.

Eine Bestattung in den Jahren von 1950 bis ungefähr in die siebziger Jahre, wie ich sie erlebt habe, war in der damaligen Zeit ein völlig anderes Ereignis als heute.

Trat ein Trauerfall in der Nachbarschaft ein, so hat man den/die Verstorbene/n bis zur Bestattungsfeier zuhause aufgebahrt (meist 3 Tage, um einen Scheintot auszuschließen. Im Sommer war diese Zeit je nach Witterung auch kürzer, woraufhin die Kirchen später verpflichtet wurden eine kühle Leichenkammer bereitzustellen). Die Aufbahrung im Hause erforderte allerlei Aufwand, denn in manchen Haushalten wurde der Aufbahrungsraum -nach der kirchlichen Bestattung- benötigt für die Kaffeetafel der Beerdigungsgäste am Nachmittag und mußte dementsprechend hierfür neu hergerichtet werden (lüften, Tische und Stühle hineinstellen und die Tische eindecken etc.). Sargträger waren die nächsten Nachbarn. Dies war damals noch möglich, da der überwiegende Teil in der Landwirtschaft im Ort arbeitete. Die Sargträger wurden am Tag der Bestattung für diesen Dienst von der Arbeit freigestellt. Es gab in der Dorfgemeinschaft das ungeschriebene Gesetz der Nachbarschaftshilfe und dieser `letzte Dienst für den Verstorbenen´ gehörte selbstverständlich dazu. Zur Vorbereitung für die Trauerfeier im Haus waren die Frauen der Sargträger `verpflichtet´. Es gab ein bestimmtes Ritual: Für die Familienangehörigen des Verstorbenen sowie für die Sargträger wurde mittags die übliche `Frische Suppe´ (Hühner- und Knochenbrühe) serviert. Nach der Trauerfeier gab es im Trauerhaus Kaffee und (meist Blech-)Kuchen sowie belegte Brote für Nachbarn und Bekannte. All dies mußte vorher organisiert und vorbereitet werden, wobei die Nachbarinnen hier tatkräftig mithalfen. Am Tag vorher wurden die Suppenknochen abgekocht, das Suppengemüse geschnippelt und die Klößchen (Gries- und Hackfleischklößchen, alles per Hand gedreht) für die Einlage vorbereitet. Zur Suppe gab es dann noch Reis und auch Kartoffeln sowie (Suppen-) Fleisch in Portionen geschnitten. Es wurden Kuchen gebacken und die Brotplatten für nachmittags vorbereitet.

Diese viele Arbeit führte dazu, dass nach und nach die Trauerfeiern in die Gastwirtschaft verlegt wurden.

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